Magna Mater gelesen von Herbert Fritsche
Unterm blauen Sternenmantel, den die große Mutter trägt,
Auszuruhn am Ziel des Weges, wenn das Herz nur matt noch schlägt,
Wenn die Erdensinne schwinden und ein neuer Sinn erwacht,
Wenn die Welt des Tages einschläft angesichts der Sternennacht,
Wünschen sich die Wandrer alle, die des Irrens müde sind:
Hüll in deinen blauen Mantel, große Mutter, Kind um Kind!
Also ward es oft gesungen, seit der Menschheit Weg begann.
Isis, Kwannon und Maria ziehen unsern Blick hinan
Zu der schmalen Mondensichel, die am Abendhimmel schwebt:
Silberkahn, auf dem die Mutter fromm ihr Kind zum Vater hebt.
Und aus alten Weihestätten raunt verschollner Kultgesang,
Dessen Echo von den Sternen wie ein Amen widerklang:
Magna Mater, deines Wesens Offenbarung ist verhüllt,
Doch im Herzen jeder Mutter wird ein Sakrament erfüllt,
Dessen Glut auf dem Altare deines Heiligtumes glüht,
Dir zu Ehren, Stern des Meeres, der am hohen Himmel blüht,
Dir zu Ehren, reine Jungfrau, die dem Gruß des Engels lauscht,
Ehe seine lichte Schwinge wieder heim zum Vater rauscht.
Also ward es oft gesungen, nicht von Priestermund allein,
Auch die reimenden Vaganten stimmten in den Lobpreis ein,
Über jedem Minnesange leuchtet insgeheim dein Bild,
Über allem Herzenssehnen lächelt, mütterlich und mild,
Jungfrau-Mutter, deines Mundes Wissen um den Weltengrund,
Und nur, wenn wir Kinder werden, wird uns deine Weisheit kund.
Kinder unterm Sternenmantel, den du uns zur Nacht verleihst,
Sind die Träumer, sind die Dichter – und es weht um sie der Geist,
Der auch dir dein Kind gegeben, als der Engel Ave sprach –
Voll entzückten Staunens stammeln sie geheime Botschaft nach.
Dante, Goethe und Novalis, Eichendorff, Brentano und
All die Andern, Ungenannten opfern dir aus Herzensgrund.
Aber selbst die Tiere spüren, wie du waltest in der Welt,
Ihrem Muttertum ist ewig deine Macht hinzugesellt.
Deine Macht und auch dein Segen, deine hohe Heiligkeit:
Jedes Muttertier ist größer als des Lebens Leid und Streit,
Jedes Muttertier ist weiser als sein armes Herz und Hirn,
Lenkst doch du sein Tun und Lassen, o Maria, Meergestirn!
Und auch wir, wir Abgeirrten, die das Heimweh wandern heißt,
Wissen, dass die Mutter wartet: Hüterin am Tor zum Geist.
Sie nur kann uns weise führen, sie nur unser Leid verstehn,
Unser Leid am eignen Wesen, wenn wir wirre Wege gehn.
Wolle für uns bitten, Mutter! Also lautet das Gebet,
Das, aus Kindersinn geboren, mit uns durch die Tage geht.
Unterm blauen Sternenmantel, den die große Mutter trägt,
Auszuruhn am Ziel des Weges, wenn das Herz nur matt noch schlägt,
Wenn die Erdensinne schwinden und ein neuer Sinn erwacht,
Wenn die Welt des Tages einschläft angesichts der Sternennacht,
Wünschen sich die Wandrer alle, die des Irrens müde sind.
Mutter, unter deinen Mantel nimm auch mich, dein schwächstes Kind!