Meerfahrt der Seele gelesen von Herbert Fritsche
Kommt die Wolkenflut der Regenwochen
Grau und rauschend übers Land gekrochen,
Das noch einmal leuchten wollte wie die Herbstzeitlosenblüte,
Werden alle Farben fortgewaschen:
Nasser Netze endlos enge Maschen
Sinken nieder und verwandeln unser Zimmer zur Kajüte,
Die uns mahnt, uns früh zu Bett zu legen,
Wenn die Winde um die Giebel fegen,
Als verfinge sich ihr Heulen in dem Takelwerk der Masten –
Und indem wir solcher Weise lauschen,
Hören wir zugleich die Wasser rauschen:
Dunkle Wogen, die seit ferner Schöpfungsfrühe niemals rasten.
Ausgesetzt auf hohem Meere schaukeln,
Während Albatrosse uns umgaukeln,
Wir mit unserm Zimmer durch die uferlose Nacht der Fluten.
Unbeirrt von jenen Finsternissen,
Schmiegen wir uns lesend in die Kissen
Und entfachen alte Träume, die am Seelengrunde ruhten.
Bücher, die wir fast vergessen haben,
Atmen, endlich wieder ausgegraben,
Ihren Duft des Abenteuers uns ins Herz wie vor Jahrzehnten.
Fremde Küsten steigen aus der Brandung,
Und wir wagen die erträumte Landung
An den Strand, nach dessen Palmen wir uns schon als Knaben sehnten.
Unterdessen raunt und rauscht der Regen
Monoton der Mitternacht entgegen,
Traumumsungen taumelt unser Schiff im Wellengang der Stunden,
Wale blasen ihren Dampf durchs Fenster,
Geisterbarken, fahle Meergespenster
Tauchen auf und sind alsbald ins Nebelreich zurückgeschwunden.
Da auf einmal ist das Schiff im Sinken.
Sollen wir uns wehren, zu ertrinken?
Tief vertraut umrauscht uns Todessehnsucht mit des Regens Stimme.
Heim zum Muttergrunde fährt das Leben.
Schwarze Möwen, die im Nachtwind schweben,
Spähen auf die Flut, ob irgendwo ein letzter Splitter schwimme…