Porträtfoto von Herbert Fritsche Porträtfoto von Herbert Fritsche Porträtfoto von Herbert Fritsche Porträtfoto von Herbert Fritsche

Herbert Fritsche

Leben und Werk (1911–1960)
entstanden 1950 erschienen in »Herbert Fritsche Sämtliche Gedichte - Teil I« 1967

Walpurgisnacht

Die Abendsonne speit mit späten Speeren,
So spitz wie Blitze und so rot wie Mohn,
Ins Dämmerlicht, als wollte sie sich wehren
Vorm Überflutetwerden von den Meeren
Des Baum-Schaums: vor der Blüten-Explosion,

In deren tausendfachen Katarakten
Selbst Sonnen-Sonnen sich zur Eifersucht
Gestachelt fühlen müßten. Doch die nackten
Dryaden siegen: Hinter schwarzgezackten,
Zerfetzten Tannen schluckt die dunkle Schlucht,

Die jäh des Westens Hügelsaum durchspaltet,
Den letzten Brand des Sonnenzornes fort.
Die Blüten jubeln. Ihre Wollust waltet
Als weißes Weltgedicht im Raume. Da entfaltet
Die Fledermaus, die eben noch verdorrt

Wie totes Obst im Giebelholz gehangen,
Ihr Schwingenpaar zum Schattentaumelflug:
Denn die W a l p u r g i s n a c h t hat angefangen…
Der Boden bebt vom Bangen und Verlangen
Des Katakombenvolks. Ein Schemenzug

Entrinnt dem Kirchhof, dessen Grüfte gähnen,
Trolleskes Pack strömt links und rechts herbei,
Und junge Hexen, die sich selig wähnen,
Entschweben zu den schwarzen Wolkenschwänen,
Als ob der Himmel Gottes offen sei.

Nun birgt sich zitternd in den Menschenställen,
Von Schweißesschwaden widerlich umweht,
Das bleiche Zweibein-Vieh. Vor Sündenfällen
Hat heute nacht es Angst, vor Satansbällen,
Wo sich der Blocksberg-Reigen rasend dreht:

Zu elend, um nach Glorienglanz zu streben,
Zu klein, um für die Sünde einzustehn,
Verkriecht es sich in einem lauen Leben
Und mag sich weder Gott noch Satan geben
Und hofft besudelt heim zum Heil zu gehn – …

Die Andern aber, die sich selbst verbannten
Aus einem Dom, der keine Freiheit kennt,
Die Stolzen, die auf Scheiterhaufen brannten
Und keinen Gott des Zornes anerkannten:
Sie feiern jetzt ihr schlimmes Sakrament,

Sie brausen durch die laue Nacht zum Ziele
Des zauberischen Flugs zum Brocken hin:
Die Ziegenböcke und die Besenstiele
Erspüren schon von fern den Hauch der Spiele
Um S A T A N S Kanzel mit dem Witterungssinn,

So daß sie ganz von selber ihre Reiter
Und Reiterinnen in die Richtung drehn,
Wo ein von Zwang und Bann und Fluch befreiter
Erlösungsspuk sich höllisch heiter
Versammeln wird zum wüsten Wiedersehn.

Da ist das Grabeskerkerjahr vergessen,
Die Heimlichkeit, das herbe Herzversteck,
Vom Rausch des Rechts, ein Stern zu sein, besessen,
Erschauern Brust und Lust, bis unermessen
Die Funkenflut aus Tanz und Teufelsdreck

Hervorbricht wie aus taumelnden Monstranzen,
Daß der Granit von Feuerwirbeln glüht.
Die Ausgestoßnen, die Verbannten tanzen!
Mein Herr und Gott, auch dies gehört zum Ganzen,
Auch dies zum All, in dem dein Frühling blüht!

Du hast den Kreaturen eins befohlen:
Entfachung des geheimen Liebeslichts.
Wer's nicht geschenkt bekam, der hat's gestohlen – –
Und mag ihn tausendmal der Teufel holen,
Er holt ihn dennoch niemals in das Nichts.

Denn alles gibts in deinen vielen Welten,
Nur nirgends gibts ein Nichts, ein Untergehn.
Wer wollte wie ein eitler Pfaffe schelten,
Läßt doch du selber diese Tänze gelten,
In denen sich die Abgeirrten drehn,

Die Ketzerfürsten und die Hexenmeister,
Propheten, die ein Höllenmund berief,
Verworf'ne Weiber, freigemute Geister – – –
Ist dieser Taumel glühender Entgleister
Nicht auch ein feierlicher Liebesbrief,

Der in Geheimschrift auf granitnen Schollen
Durchs Dunkel in dein Herzgeheimnis glimmt?
Wenn die Verworfnen um den Teufel tollen,
Was treibt sie andres an als Leuchtenwollen,
Das sich Verweigertes im Raube nimmt?

Du hast die eine Nacht im Jahreslaufe
Den Abgrundpilgern für ihr Fest erlaubt:
Nun jagt die heimatlose Schar zu Haufe
Und bringt dem Kot die Not- und Feuertaufe,
Die starren Steine liegen sternbestaubt,

Verlorne Söhne sind zum Tisch geladen,
Aus Hurerei erhebt sich Sinnenglanz,
Erlösungslust umschwebt mit schweren Schwaden
Die Tänzer, die das Glück der Höllengnaden
Genießen im berauschten Taumeltanz,

Und sinken sie mit Böcken und mit Schweinen
Bewußtlos heim in den Vernichtungstraum
Auf ihrem Bett aus überschleimten Steinen:
Du weißt allein, was sie in Wahrheit meinen,
Du Schöpfergott im blauen Sternenraum!

Wer ließ sie auf den steilen Pfad entgleiten,
Als über ihnen groß die Gralsburg glomm?
Wer warf die fast schon feierlich Geweihten
Ins Häschernetz der Ketzerrichter-Zeiten?
Nun wurden sie auf ihre Weise fromm

Und hexten lästernd sich hinaus ins Freie,
Als sie der Kerker hart und schwarz umfing;
Sie beteten, daß sie der Satan feie,
Wenn schrill das C r e d o ihrer letzten Schreie
Im Qualm der Scheiterhaufen unterging.

Doch da hast du sie furchtbar auserkoren
Für dein geheimstes Welt-Apostolat:
Du sandtest sie, des Teufels tumbe Toren,
Ins Land der Pest, das ohne sie verloren
Entsinken würde deiner Sonnensaat.

Nun reißt ihr Tanz in rasenden Ekstasen
Dein fernstes Feuer aus dem Staubgewand,
Dein Atem wird in trübe Glut geblasen,
Und aus dem Schutt entweihter Tempelvasen
Entfacht die Nacht dir ihren Opferbrand,

Die eine Nacht im Jahr. Es zelebrieren
Gestürzte Sterne den geheimen Dienst.
Dein eignes Licht verschwendet sich Revieren,
Die dich nicht kennen – und sie ahnen ihren
Erlösungsglanz, denn du, mein Gott, erschienst

Als Licht im Lichte der verwirrten Funken,
Als Liebeskeim im Rausch der Hurerei,
Als Heimkehrglück, wenn endlich trüb und trunken
Das heiße Haupt, zum Schlummer hingesunken,
Nur eins noch spürt: Vorbei, Vorbei, Vorbei …

Im Osten rötet schon der Maienmorgen
Die Waldkonturen – und der Kauz verstummt.
Geheimes Heil, in Unheil tief verborgen,
Hat einmal nur in meinen Menschensorgen
Sein Stündlein, da es seine Weise summt:

W A L P U R G I S W E I S E … Horch, die Finken schlagen!
Wer wüßte noch vom wirren Hexentanz
Ein frevelhaft erkühntes Wort zu sagen?
Ich wende meinen Blick den jungen Tagen
Entgegen und dem weißen Blütenglanz.

Mein Herr und Gott, du meisterst das Verzeihen,
Verzeih auch mir, was ich im Traum gelallt.
Ich will mich ganz dem Licht des Lenzes weihen
Und meine Ohren nur der Weise leihen,
Die dir zum Preise weithin widerhallt.