Die Ehe des William Blake gelesen von Herbert Fritsche
Der Glanz der Engel, die sein Bett umstanden,
Erweckte ihn. Die Nacht zerging in Licht.
Auch Käthe, seine Frau, entwand den Banden
Des Schlummers sich, den bunten Traumgirlanden,
Und kehrte heim zu ihrer ernsten Pflicht.
Sie saß dem Schauenden getreu zur Seite,
In ihren beiden Händen seine Hand.
Sein Geist erfuhr ihr liebendes Geleite
Beim Auszug in die unermessne Weite,
An deren Ufern er die Götter fand.
Rann endlich kühl der Morgen durch die Scheiben,
Erlosch die Schau. Das Tagewerk begann,
Das zarte Zeichnen, das durchseelte Schreiben.
Doch darf ein Schaffender verlassen bleiben?
So saß sie schweigend neben ihm auch dann.
Gemeinsam ätzten sie die Kupferplatten
Und druckten unermüdlich Blatt um Blatt,
Bis sie ein neues Buch vollendet hatten.
Der Dienst am Jenseits schmiedete die Gatten
Zum Doppelmenschen, der die Krone hat.
Nach sechsundvierzig stillen Ehejahren
Erschien ein Engel, schattenhaft und grau,
Dem Greis die Trennungsfrist zu offenbaren.
Doch der erhob den leuchtenden und klaren
Prophetenblick zu Käthe, seiner Frau.
Er sah sie lange an, ergriff im Scheiden
Papier und Stift und zeichnete ihr Bild.
Das war sein Abschied: groß und ohne Leiden.
Der graue Engel stand nun zwischen beiden
Als Hüter einer Tür ins Lichtgefild.
Und sie, die keine Trauerträne weinte,
Vernahm von drüben einen fernen Ruf,
Bevor der Engel beide neu vereinte:
„Dies ist die Ehe, die der Schöpfer meinte,
Als er dem Manne die Gefährtin schuf.“