Porträtfoto von Herbert Fritsche Porträtfoto von Herbert Fritsche Porträtfoto von Herbert Fritsche Porträtfoto von Herbert Fritsche

Herbert Fritsche

Leben und Werk (1911–1960)
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Am Saum des Grossen Vorhangs - 24 ausgewählte Gedichte aus den Jahren 1928 - 1935

ATHANOR VERLAG BERLIN, Juni 1978, begrenzte Auflage von 150 Stück, unverkäuflich

NACHWORT DES VERLEGERS (=John Uhl)

Von den 24 unbekannten und verstreuten Gedichten dieses Bandes wurden

  • a) 6 bisher noch nicht veröffentlicht (Nr. 1, 2, 9, 14, 15, 24)1
  • b) 3 als Gedichtpostkarten 1928 vom Dichter in Druck gegeben und an Freunde versandt (Nr. 5, 6, 7)2
  • c) 3 als »Sonderdruck Drei Gedichte« 1935 vom Dichter in Druck gegeben und an Freunde versandt (Nr. 21, 22, 23)3
  • d) 1 in einer lesbischen Zeitschrift (»Die Freundin«) 1928 veröffentlicht (Nr. 3)4
  • e) 5 in der Zeitschrift »Das Dritte Auge«, Klagenfurt, 1934 und 1935 veröffentlicht (Nr. 16, 17, 18, 19, 20)5
  • f) 6 in verschiedenen Lyrik-Anthologien 1931/32 veröffentlicht (Nr. 4, 8, 10, 11, 12, 13)6

Diese Gedichte sind Schöpfungen des damals 17-23jährigen Schülers und Studenten, die in Berlin entstanden und von wildem jugendlichen Feuer und heißem Schwung erfüllt und mit der Dynamik eines Jean Arthur Rimbaud geladen sind. Sie sprechen Gedanken und Empfindungen aus, die uns - 50 Jahre danach in einer durch Materialismus entleerten und hohlen Zeit - mit ihrer tiefen Sehnsucht nach geistiger Erfüllung ansprechen und erregen. Aus diesem Grunde wurden sie von uns neu herausgegeben.

Der Stuttgarter Verleger Ernst Klett schreibt in dem bei ihm 1970 erschienenen Buch »Herbert Fritsche - (50) Briefe an Freunde 1931-1959« in seinen »Skizzen zum Vorwort«: »...schöne, zuweilen hinreißende Jugendgedichte - . . . eine Jugend in geistiger Hochspannung. . .«

Der literarische Expressionismus lag seit 1925 abgeschlossen, vollendet und als reife, reiche, strahlende Ernte auf dem Gabentisch der Kultur ausgebreitet vor - die Tore waren weit aufgestoßen zu einer neuen Ausdruckswelt und neuen geistigen Horizonten durch Bahnbrecher wie Rimbaud, Benn, Meidner, Haringer, Zech und viele andere. Eine junge Generation ließ sich von ihnen begeistern, mitreißen und anregen, so auch Fritsche, den man heute als den bedeutendsten Vertreter des lyrischen Spätexpressionismus bezeichnet, nachdem der lyrische Nachlass gesammelt und gesichtet ist. Diese Einordnung gilt aber nur für die lyrische Schaffensperiode zwischen 1930 und 1934. Von den rund 411 Gedichten sind bisher noch etwa 200 Gedichte einschließlich des zwischen Ende 1927 und Anfang 1928 entstandenen Erstlingsgedichtbandes »Orion« unveröffentlicht. Ein weites, reiches und unentdecktes Feld für die deutsche Literaturgeschichte!

HF schrieb das erste Gedicht als Sechzehnjähriger. Formal wurde er zuerst durch seinen Dichterfreund Jakob Haringer (16.3.1898 - 3.4.1948) beeinflusst. Die entscheidenden geistigen Quellen seiner Dichtung liegen jedoch woanders: als Knabe erhält er zusammen mit seinem Schulfreund Hans Färber Astrologie- und Astronomie-Unterricht, mit knapp 15 Jahren gibt ihm Max Brods Roman »Tycho Brahes Weg zu Gott« die große Initialzündung: er liest die großen europäischen Mystiker, Dichter und Lyriker, prägt sie sich fest ein, kann dank seines enormen Gedächtnisses große Teile der klassischen, romantischen und expressionistischen Lyrik einschließlich Goethes »Faust« zum Erstaunen seiner Lehrer, Mitschüler und Freunde auswendig vortragen, er wird durch seinen Klassenlehrer Paul Oldendorff in die Anthroposophie, durch Gustav Meyrink in Magie und Geheimwissenschaften eingeführt, beschäftigt sich mit Alchymisten, Rosenkreuzern, Parapsychologie und gehört schon bald - noch vor dem Abitur - zur Berliner Künstler ­Boheme, in der er seine Gedichte vorliest und bekannt wird. Als Oberprimaner veröffentlicht er Weihnachten 1928 den ersten Gedichtband.

Schnell findet Herbert Fritsche zu Eigenständigkeit und früher Vollendung. In der Folge erschienen dann weitere, heute vergriffene Gedichtbände:

  • 1930 Verschneites Atelier
  • 1931 Narrenkalender mit Zeichnungen von John Uhl
  • 1931/32 Gedichte im »Taugenichts«, einer Lyrik - Zeitschrift, die er herausgab, mit Mitarbeitern wie Benn, Haringer, Hesse, Zech, Lasker-Schüler. Die dort veröffentlichten Gedichte von HF sind in dem Band »Die Vaganten« mit Zeichnungen von John Uhl 1967 wieder erschienen.
  • 1932 Durch heimliche Türen
  • 1933 Mandragora
  • 1934 Im Dampf der Retorte
  • 1947 Zeit der Lilie
  • 1950 Samen des Morgenlichts
  • 1978 Am Saum des großen Vorhangs mit Zeichnungen von John Uhl.

Sie sind in wenigen Privat-Archiven und im Deutschen Literatur-Archiv (Schiller-Nationalmuseum) in Marbach am Neckar gesammelt.

Ab 1935/36 nach jahrelanger, durch Hitlers Machtergreifung ausgelöster Angstneurose, tritt in den Gedichten eine gewisse Beruhigung und Klärung ein, sie entwickeln sich zu formvollendeten klassischen Meisterwerken tiefster Religiosität; ab 1947 jedoch bricht im Spätwerk ein anarchischer und radikaler Zug durch, der schon in den Anfangsphasen des Schaffens zu erkennen war, diesmal in ketzerischer Form.

Den Titel dieses Bandes wählten wir aus einer im Vorwort zu »Mandragora« (1933) enthaltenen Bemerkung Fritsches aus.

»Am Saum des großen Vorhangs« mit dem Gesamt-Gedicht­-Katalog erscheint im Geburts- und Sterbemonat des 18. Todestages des Dichters zu dessen ehrendem Gedenken und ist gewidmet allen nach menschlicher und geistiger Vervollkommnung Strebenden sowie allen Freunden kostbarer und außergewöhnlicher Lyrik.

Das Zeichen ANKH auf dem Umschlagdeckel mag Wegweiser zu höherer Erkenntnis sein, denn es stellt den Schlüssel des Lebens dar, ein altes Symbol, das wir auf vielen berühmten ägyptischen Kunstwerken finden. In den hier veröffentlichten Gedichten, die Visionen, Gebete, magische Beschwörungen, Schwermütiges und menschliche Leidenschaft, Landschaften, Gedanken und Erkenntnisse mannigfacher Art gestalten, kann dieser Schlüssel zum Leben von all denen gefunden werden, die wachen Sinnes und mit erhöhter Aufgeschlossenheit richtig lesen, sehen und deuten können.

1
Nr. 1
Die Mädchen
Nr. 2
Die Studentin
Nr. 9
Abend im Spätjahr
Nr. 14
Pieter Brueghel
Nr. 15
Josephin Peladan
Nr. 24
Vorstadtliebe
2
Nr. 5
Gemeinsames Schicksal
Nr. 6
Spätes Morgenrot
Nr. 7
Gesicht unter Brombeerranken
3
Nr. 21
Der Dichter (I)
Nr. 22
Jubal
Nr. 23
Liebe (II)
4
Nr. 3
Die Tänzerinnen
5
Nr. 16
Unsterbliches Prag
Nr. 17
Die Letzte Stadt
Nr. 18
Der Weg gen Ankh
Nr. 19
Die Stunde der Meister (II)
Nr. 20
Gedanken
6
Nr. 4
Aus dem Cyklus: Eisabeth Bergner
Nr. 8
Vorherbstliches Gedicht
Nr. 10
Abend vorm Ende
Nr. 11
Immer im Juni
Nr. 12
Letzte Dinge
Nr. 13
Vagant