Ein Aufsatz von Herbert Fritsche mit dem Titel Kleines Selbstbildnis (1932). Der autobiographische Text verbindet persönliche Herkunft, dichterische Poetik und literarische Standortbestimmung zu einem frühen Selbstporträt. Zugleich dokumentiert er die geistigen Einflüsse und den weltanschaulichen Horizont des 21-jährigen Herbert Fritsche.
Herbert Fritsche: Kleines Selbstbildnis (1932)
Elterlicherseits schlesischem und märkischem Blut entstammend, bin ich physisch und seelisch der Erde, der Ebene und dem meist trüben Himmel darüber verbunden. Mond, Uranus und der Halleysche Komet treiben sich in meinem Horoskop an maßgebender Stelle herum. Das Posthorn meines Urgroßvaters klingt oft durch meine Träume. Er war Postillon an der russischen Grenze, wo nachts im Walde Sterne und Wolfsaugen funkelten und die Zweige knallten im Frost.
Dies alles hat dazu beigetragen, daß ich mich der lyrischen Dichtung verschrieb, dieser späten Nachfahrin magischer Riten. Lyrik ist von vornherein religiös, sucht Bindung an die überweltlichen Mächte im beschwörenden Wort, verwandelt dem Dichter und seinen Lesern die Welt – sie ist die Alchymie unserer Tage, aber wenige verstehen noch den Sinn ihrer Symbole; wenige wissen, daß die lyrische Form eben nur Form ist, Krug, in dem der Dichter Wasser zu Wein verwandelt. Wasser, denn immer muß er seine Bilder aus der dreidimensionalen Welt nehmen, – Wein, denn immer schafft er daraus eine Überwelt, die nicht mehr der Zeit, sondern der ewigen Gegenwart angehört.
Ähnlich wie ein Wanderer im unbekannten Gebirge immer neue Ausblicke gewinnt und seinen Nachfolgern bezeichnet, erkämpft der Dichter seine Schauungen in die beiden Sphären der unsichtbaren Welt, die seraphische über ihm und die dämonische unter ihm.
Mein erstes Gedichtbuch "Die Glühwürmchen-Barkarole" (die zweite Auflage erschien unter dem Titel "GEDICHTE" im Verlag "Die Rabenpresse", Berlin S 14) ist eine Sammlung von Versen, die im Sommerwind entstanden sind, von den Sensationen erster Liebe und Freundschaft bewegt und der sanften oder grollenden Natur in mystischer Verehrung zugetan. Erst in meinem zweiten Buch "Verschneites Atelier" (Verlag "Die Mitternacht", Berlin) taten sich neue Augen in mir auf, spuksichtige, die alles sinnlos-abgründige Sein suchen und zu durchschauen bemüht sind. So fand ich zu Baudelaire, dessen Gedicht LESBOS ich in deutscher Nachdichtung in dieses Buch aufgenommen habe. Was in der "Glühwürmchen-Barkarole" Liebes- und Freundschaftserlebnis war, wird hier zum Erlebnis der Kumpanei auf zielloser Chaussee, zum Bekenntnis vagabundischer Abenteurersucht, die auch vor den wirren Welten des Halbschlafs und der Narkose nicht haltmacht. In meinen weiteren Versen, die im "Taugenichts", "Narrenkalender" und meinem letzten Bändchen "Durch heimliche Türen" stehen (Verlag "Die Mitternacht", Berlin; Verlag Gebr. Mann, Berlin; Verlag "Die Rabenpresse", Berlin S 14), wird diese atavistische Sehnsucht nach Spuk, Narretei und den finsteren Zeremonien des Zwischenreiches immer intensiver zu gestalten versucht, aber bereits mit einem Blick empor in die göttliche Region – das Mysterium der Antoniusversuchung steht als Motto über all diesen Gebilden.
Was an unveröffentlichten Gedichten vorliegt (insbesondere die Gedichtreihe "Mandragora", die demnächst im Verlag A.R.Meyer, Berlin-Wilmersdorf, erscheint1), gilt ebenfalls der Welt der Lemuren und Chimären, sucht jedoch immer entschiedener nach dem festen Punkt, von dem aus es sie beherrschen kann, ohne ihnen zum Opfer zu fallen.
Mir scheint, dieser feste Punkt wird C H R I S T U S heißen.
Zunächst blieben meine Verse ganz unbeachtet, vom "Verschneiten Atelier" ab aber kamen Briefe, wurden mir Illustrationen und Vertonungen übersandt, ich fand einen kleinen Kreis, der sich für mich einsetzte und mir auch die Herausgabe des "Taugenichts" ermöglichte. Bald standen Gedichte von mir auch in holländischen, belgischen und amerikanischen Blättern, wurden im Rundfunk gelesen und fanden Teilnahme und Interesse bei der Kritik. Aber das alles schafft keine innere Befriedigung. Wenn auch Zurufe unbekannter Freunde immer neue Ermutigung und Freude bedeuten, blicke ich doch stets verzagt auf die Fülle der Welten und Wesen, deren dunkle Gewalten zu beschwören ich ein noch allzu armseliger "Zauberlehrling" bin.
Ich fand viele Landschaften und Lehrer, suche auch immer weiter danach. Von letzteren verdanke ich das meiste den großen Meistern Theophrastus Paracelsus und Gustav Meyrink. Innig verbunden fühle ich mich den Dichtern Li-Tai-Pe, Eichendorff, Baudelaire, Rimbaud und Trakl, den Malern Bosch van Aaken, Goya, Kubin, Nolde und Meidner. Musikalisch wurden mir Grieg und vor allem Arrigo Boito zum großen Erlebnis. Obwohl ich viel lese und mich mit großer innerer Bereicherung naturwissenschaftlichen Studien widme, liegt meine wahre Heimat doch anderswo: Die niederdeutsche Landschaft, die verhangene Nacht und vor allem die weite wilde Welt der Tiere nehmen mich immer wieder gefangen und geben mir neue Kraft. Oft ersetzt mir im Zoo der Anblick badender Flußpferde oder eine Welle Geruch aus dem Antilopenhaus alles andere: Bücher, Kameraden, äußeres Glück. Denn im Bereich der Tiere bin ich der Schöpfung so nahe und spüre ihren Atem so unmittelbar, daß ich wieder Lust und Kraft habe, meinen Möglichkeiten angemessen an die magische Verherrlichung und Deutung ihres dunklen Wollens und Werdens zu gehen.
1"Mandragora" erschien 1933 im Verlag "Die Rabenpresse", Berlin
Überlieferung: Fotokopie eines zweiseitigen Typoskripts. Sammlung Werner Zachmann (SZ). Provenienz der Fotokopie unbekannt.
